Meditativer Rundgang durch die Pfarrkirche

Ich lade Sie, liebe Leserinnen und Leser, ein, mit mir
einen Gang durch die Pfarrkirche zu machen. Durch
das Hauptportal vom Domplatz aus treten wir in die
Kirche ein. Wir nehmen Weihwasser, bekreuzigen
uns und erinnern uns daran, dass wir in der Taufe
Kinder Gottes geworden und in die Gemeinschaft
der Kirche aufgenommen sind.
Wir sind für Gott nicht Unbekannte, er hat uns beim
Namen gerufen, kennt uns, weiß um unsere Anliegen
und Sorgen und lädt uns ein, diese mit ihm
zu teilen. Unser Leben steht unter dem Schutz des
Allerhöchsten, der seine Engel gesandt hat, uns zu
behüten auf all unseren Wegen. (vgl. Ps 91)
Wir wenden unseren Blick zur Muttergottesstatue,
vor der Tag für Tag unzählige Lichter entzündet
werden, von den frühen Morgenstunden
an bis in die Abendstunden hinein, wo Eltern und
Großeltern mit Kindern und Enkelkindern verweilen
und Menschen Trost suchen. Es ist die sogenannte
Pilgermuttergottes, die zu Beginn der 50er Jahre in
Wallfahrten von Pfarrei zu Pfarrei getragen wurde.
Auf der Rückwand finden wir das Bild des hl.
Josef Freinademetz, des verehrten Chinamissionärs
aus dem Gadertal (*1852, +1908). Heiliggesprochen
wurde er von Papst Johannes Paul II. am 5. Oktober
2003 in Rom. Während seines Theologiestudiums ist
er sicher öfters in unserer Pfarrkirche eingekehrt. Unsere
Gebetsanliegen können wir aufschreiben und
an die Wand heften; gerne nehmen wir sie ins fürbittende
Gebet bei Messen und Andachten auf. Der
Apostel Paulus schreibt: „Bringt eure Bitten mit Dank
vor Gott.“ (Phil 4,6)

Beeindruckt sind wir sicher auch vom ausdrucksstarken
Kruzifixus „Christus vom guten Tod“
auf der gegenüberliegenden Seite. Vom Schmerz
geprägt ist das Antlitz Christi: er leidet mit den
Menschen und der verwundeten Erde.
Einen neuen Platz hat die schmerzhafte
Muttergottes, die Pietá, gefunden. Den Leichnam
ihres Sohnes trägt sie auf dem Schoß in den Armen.
Maria wird zur Fürbitterin für alle, die um einen lieben
Menschen trauern, und für alle Verstorbenen.
Deshalb ist hier der Platz für die Andenkenbildchen
der Verstorbenen des laufenden Jahres. Der hl. Benedikt
schreibt in seiner Regel: „Wir sollen den unberechenbaren
Tod täglich vor Augen haben“, nicht
um uns zu ängstigen oder die Lebensfreude zu vermiesen,
sondern um uns der Wirklichkeit zu stellen,
dass unsere Lebenszeit begrenzt ist, dass wir die
Werte dieser Welt einschätzen und dass jeder Tag
einmalig ist. Über unser Tun und Lassen werden wir
Rechenschaft unserem Schöpfer gegenüber geben
müssen, wo wir laut dem hl. Johannes vom Kreuz
„nach der Liebe gerichtet werden“.
Wir treten weiter in der Kirche vor: An den
Seitenwänden sind die Bilder der 14 Stationen angebracht.
Besonders in der Fastenzeit und an den
Freitagen regen sie uns an, den Leidensweg Christi
von der Verurteilung bis zur Grablegung zu betrachten,
um hingeführt zu werden zum Geheimnis
der Auferstehung Christi, durch das dem Tod die
Macht genommen ist. Das Kreuz wird zum Zeichen
der Hoffnung und des Lebens; deshalb erstrahlt es
auch in Gold über dem Hochaltar.
An den Seitenwänden sind auch die Apostelleuchter
angebracht. Sie befinden sich an den
12 Orten, die bei der Kirchweihe vom Bischof mit
Chrisam gesalbt wurden. Die Apostel haben die
Botschaft Jesu Christi in die Welt hinausgetragen.
Auf dieser Botschaft beruht unser Glaube, der
Glaube der Kirche.

Die Beichtstühle erinnern an das Sakrament
der Versöhnung, das schon seit Jahren vorwiegend
im Beicht- und Aussprachezimmer des Domes gespendet
wird.
Unser Gang durch die Kirche wird durch die
drei Erzengel begleitet. Sie sind auf den Deckenfresken
von Josef Hautzinger aus Wien dargestellt, der
mit dem bekannten Paul Troger aus Welsberg bei
der Ausmalung des Domes mitgearbeitet hat. Beim
Erzengel Rafael und Gabriel sind biblische Szenen
aufgegriffen. Rafael, dessen Name „Gott heilt“ bedeutet,
begleitet den jungen Tobias nach Hause, wo
dessen Vater wunderbare Heilung erfährt. Gabriel
– „Gott ist Kraft“ – überbringt Maria die Botschaft,
dass sie Mutter des Erlösers werden soll. Der hl. Michael
– „Wer ist wie Gott“ – ist vor dem Eingang zum
Altarraum dargestellt. Er erscheint in der Grotte des
Monte Gargano. Der Bischof von Siponto wollte die
Höhle weihen, doch da erschallte aus dem Inneren
eine Stimme: „Dieser Ort braucht nicht geweiht zu
werden, denn er ist mir, dem Engel Michael, bereits
heilig.“ Das war laut Legende im Jahr 490.
Die Kanzel, bis zum Zweiten Vatikanischen
Konzil hervorgehobener Ort für die Predigt und
Verkündigung, verweist auf die Zehn Gebote Gottes,
die Lebensordnung des Volkes Gottes und
durch Jesus zusammen gefasst im Hauptgebot von
Gottes- (I – III) und Nächstenliebe (IV – X).
Künstlerisch gesehen haben die zwei Seitenaltäre
vor dem Eingang in den Altarraum einen
besonderen Wert. Der Altar auf der rechten Seite ist
dem hl. Johannes dem Täufer geweiht.

Franz Sebald Unterberger stellt die Taufe Jesu am
Jordan dar; über dem Altarbild finden wir Gott Vater
und an den Außenseiten die Statuen von Elisabeth
und Zacharias, den Eltern des Heiligen. Vor dem
Altar ist nun der schöne Taufstein in Becherform
aufgestellt. Hier werden Kinder und Erwachsene
getauft und in die Gemeinschaft der Kirche aufgenommen.
Durch Gott wird den Getauften Zugang
zu den anderen Sakramenten geschenkt: Firmung,
Eucharistie, Versöhnung, Krankensalbung, Priesterweihe
und Ehe. Dies geschieht symbolisch, wenn wir
in den Altarraum, ins Presbyterium, eintreten.
Der Altar dem Johannesaltar gegenüber
zeigt Jesus, der das schwere Kreuz trägt, der dabei
von Simon von Cyrene unterstützt wird. „Kreuzzieher“
wird er genannt und genoss zu allen Zeiten
hohe Verehrung.
Im Hintergrund zeigt das Bild, ebenso von Franz Sebald
Unterberger, eine große Menschenmenge, die
Jesus begleitet. Der mitfühlende Blick des Gottessohnes
kann jeden und jede treffen und ans Jesuswort
erinnern: „Wer mir nachfolgen will, verleugne
sich selbst, nehme täglich sein Kreuz auf sich und
folge mir nach.“ (Lk 9,23)
Jesus lässt uns aber auch wissen, ich helfe das Kreuz
des Alltags tragen, denn Gott lädt niemandem ein
schwereres Kreuz auf, als dass er es tragen könnte.
Die Statuen an der Seite stellen Maria und Johannes
dar, die Jesus auch bei seinem Sterben nicht allein
gelassen haben und die er einander anvertraut hat
als Mutter und als Sohn. Über dem Altar sehen wir
Veronika mit dem Schweißtuch, die die fromme Tradition
Jesus auf dem Leidensweg in der 6. Station
mitfühlend begegnen lässt.

Wir wenden uns nun dem Altarraum zu. Die Liturgie
ist gemäß dem Zweiten Vatikanischen Konzil Feier
der Gemeinschaft am Tisch des Brotes (Altar) und
am Tisch des Wortes (Ambo). Beide sind im gleichen
Material aus einem einzigen Marmorfindling
gehauen, wie auch die drei Priestersitze. Der Ambo
ist der Ort, an dem das Wort Gottes verkündet wird.
Es trifft auf offene Ohren und Herzen der Gläubigen,
die dieses Wort mit in ihr Leben, ihren Alltag nehmen.
Dort kann es seine Kraft entfalten. Der Altar,
der Christus symbolisiert, bekommt seinen besonderen
Stellenwert durch die Weihe, indem er mit
Weihwasser besprengt, mit Chrisamöl gesalbt wird
und wo Weihrauchkörner verbrannt werden mit den
Worten: „Gott, wie Weihrauch steige unser Gebet zu
dir empor. Und wie dieses Haus mit wohlriechendem
Duft sich füllt, so erfülle Christi Geist deine Kirche.“
In den ersten Jahrhunderten des Christentums wurden
Altäre oft über einem Grab eines Märtyrers
gebaut. Daraus entwickelte sich später der Brauch,
Gebeine eines Märtyrers oder eines anderen Heiligen
in die Altäre der Kirchen einzufügen. Die Verbindung
zwischen Lebenden und Verstorbenen, Vergangenem
und Zukünftigem wird in jeder Feier der Eucharistie
zum Ausdruck gebracht. Papst Johannes
Paul II. hat bis in unser Jahrhundert herein 27 Jahre
die Weltkirche geprägt. Sein außerordentlicher Eifer
hat sich in vielen Apostolischen Schreiben und
im Katechismus der Katholischen Kirche niedergeschlagen.
Zu seinem Vermächtnis zählen weiter
die Einführung der Weltjugendtage und das Fest
der göttlichen Barmherzigkeit am zweiten Sonntag
nach Ostern (Weißer Sonntag), an dessen Vorabend
er am 2. April 2005 von Gott heimgerufen wurde.

In unserer Diözese war er als großer Marienverehrer
gemeinsam mit Bischof Wilhelm Egger am 17. Juli
1988 in Maria Weißenstein.
Papst Benedikt XVI. hat ihn 2011 selig- und Papst
Franziskus 2014 heiliggesprochen.
Eine Besonderheit ist – die Reliquie von Papst Johannes
Paul II. liegt auf Steinen aus der Grotte des
hl. Michael auf dem Monte Gargano, wo Johannes
Paul II. 1987 ebenso als Pilger war.
Szenen aus der Heilsgeschichte bieten die
Altarblätter an den Seitenaltären: Verkündigung
des Herrn an Maria, Anbetung der Könige,
der Tod Jesu am Kreuz und die Kreuzesabnahme.
Über dem Chorraum und Hochaltar werden wir hineingenommen
in die Anbetung der Heiligsten Dreifaltigkeit
durch einen Engelchor und eine Gruppe
bekannter Heiliger: Kassian, Sebastian, Josef, Aloisius,
Florian, Johannes Nepomuk, Viktor und Urban.
Beherrschend ist das Altarbild mit dem hl. Erzengel
Michael, der gegen Luzifer und seinen Anhang
kämpft, vom Jesuitenbruder Andrea Pozzo. Dazu
passt wunderbar die Strophe aus dem Morgenlob
(Laudes) zum Fest der heiligen Erzengel:
„Michael kämpfe für die Ehre Gottes, Engel des Friedens,
banne Krieg und Unheil, schütze die Kirche,
schütze die Erlösten vor allem Bösen.“
Der Erzengel Rafael mit Tobias und ein
Schutzengel mit einem Kind sowie viele Engeldarstellungen
machen uns auf die Wirklichkeit dieser
von Gott geschaffenen Wesen aufmerksam.
Das ewige Licht weist auf die bleibende Gegenwart
des Herrn in der Eucharistie hin; anbetende Engel

laden auch uns ein, vor dem Herrn zu verweilen,
denn hier antwortet er auf die Bitte der Emmaus
Jünger „Herr bleibe bei uns“. Er ist wirklich da als
der auferstandene Erlöser.
Im Altarraum ist nicht nur Platz für alle, die
einen liturgischen Dienst versehen, sondern auch
für Eltern mit ihren Kindern und Jugendliche. Der
Familienchor und andere können Liturgie ganz in
der Nähe mitfeiern und lebendig erleben.
Wenn unser Blick im Weggehen zurückgeht
auf den Eingang, dann können wir nur staunen über
das prachtvoll geschnitzte Orgelgehäuse mit den musizierenden
Engeln. Sie unterstreichen den wunderbaren
Klang der Orgel, die unser Leben in seiner Vielfalt
von Stimmungen und Gefühlslagen auffängt und Gottes
Melodie in unseren Herzen zum Klingen bringt.
Himmel und Erde verbindet unsere Pfarrkirche, ein
Ort, der einlädt zum Verweilen, zum Meditieren und
zum Beten und Singen, ein Ort, der Menschen zusammenführt
und zu dem die Worte aus dem Buch
Daniel passen:
„All ihr Werke des Herrn, preiset den Herrn.
Ihr Engel des Herrn, preiset den Herrn.
Frauen und Männer, Junge und Alte,
preiset den Herrn.
Arme und Reiche, Gesunde und Kranke.
Ihr Menschen alle, preiset den Herrn.
Alles, was atmet, preise den Herrn.“ (vgl. GL 919,2)
Allen gilt mein herzlicher Dank, die mit ihren
Ideen, ihrer Arbeit oder ihrer finanziellen Unterstützung
einen Beitrag zu diesem Ort der Begegnung
geleistet haben. Gott vergelte es!
Albert Pixner, Dekan

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Pfarrkirche

pfarrkirche

Vom Dom, dem Gotteshaus der Kirchenfürsten nur durch den Alten Friedhof getrennt, ist die Brixner Pfarrkirche die Kirche der Bürger.

Geweiht wurde der Vorgängerbau der heutigen Kirche im Jahr 1038 von Bischof Hartwig. Diese erste Kirche muss man sich als schlichtes, rechteckiges Gebäude mit runder Apsis an der Ostseite vorstellen. Es war ein Sakralbau im Stil der ottonischen Zeit. Den Ottonen verdankt sie auch ihren Patron, den Erzengel Michael. Dieser war seit der siegreichen Schlacht gegen die Ungarn auf dem Lechfeld 955 Schutzpatron des Reiches. Die Truppen Kaiser Ottos I. hatten unter einem Banner des Hl. Michael gekämpft. Die byzantinische Prinzessin Theophanu, Gattin Ottos II. und einflussreiche Mutter Ottos III., förderte die Verehrung des Erzengels, die ja ursprünglich ja aus de griechischen Osten kam, weiter. Ihr verdankt der Brixner Domschatz auch die sogenannte Albuinkasel, ein liturgisches Gewand aus purpurfarbenem byzantinischen Adlerstoff, einem Teil der Mitgift Theophanus.

Der Nachfolgebau dieser ersten Kirche wurde später im gotischen Stil errichtet und sieht von außen im Wesentlichen heute immer noch aus wie damals: Ein spätgotischer Bau aus grauen Granitquadern mit Spitzbogenfenstern. Der Innenraum hingegen hat sein Erscheinungsbild radikal verändert. 1757/58 wurde er im barocken Stil umgestaltet. Joseph Hautzinger aus Wien, der bereits an der Ausmalung des Domes beteiligt gewesen war, schuf die Fresken, die die Gewölbe des Kirchenschiffes ausfüllen. Das Bild am Hochaltar, das den Erzengel Michael darstellt, wie er Luzifer in die Hölle stößt, stammt vom Jesuiten Andrea Pozzo aus Trient, die Engelfiguren, die den Altar flankieren, von Johann Perger.

kreuzzieher

Hervorzuheben ist der linke Seitenaltar im Kirchenschiff, der die Kulisse für die ehemals in der Vorhalle stehende „Kreuzziehergruppe“ bildet. Diese Gruppe von Holzskulpturen aus der Zeit um 1450 zeigt Jesus, der das Kreuz auf der linken Schulter trägt und dabei mit ausdrucksstarkem, schmerzvollem Blick den Betrachter anschaut, und Simon von Cyrene, der ihm hilft, das Kreuz zu tragen. Abgesehen vom künstlerischen und religiösen Wert dieser Gruppe ist die Figur des Simon auch als Quelle für das Leben der Menschen in der Entstehungszeit der Skulptur interessant; Simon trägt nämlich zeitgenössische Kleidung, zeigt dem heutigen Betrachter also, wie ein Brixner des 15. Jahrhunderts ausgesehen hat.

Literatur:

Gruber, Karl: Pfarrkirche St. Michael Brixen, Lana 1987